Überblick
Die Bezeichnung »Erste Republik« bezeichnet in der österreichischen Geschichte die Zeit zwischen dem Ende der Monarchie im Herbst 1918 und dem Anschluss an das nationalsozialistische Deutschland im März 1938. Diese Periode war geprägt von der Umwandlung eines Vielvölkerreichs in einen kleinen Nachfolgestaat, von demokratischen Verfassungsbestrebungen und gleichzeitig wachsenden inneren Spannungen, die schließlich in die autoritäre Herrschaft der 1930er Jahre und den Verlust der staatlichen Unabhängigkeit mündeten.
Politische Entwicklung
Staatsgründung und Verfassungsgründung
Nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie erklärten Vertreter der deutschen Landesteile im November 1918 die Republik Deutschösterreich. Die Friedensverträge (vor allem Saint-Germain 1919) schlossen die Möglichkeit eines unmittelbaren Anschlusses an Deutschland weitgehend aus und definierten die Grenzen des neuen Staates. 1920 trat eine neue Bundesverfassung in Kraft, die parlamentarische Strukturen, die Stellung des Bundespräsidenten und die föderale Gliederung des Landes regelte.
Parteiensystem und politische Polarisierung
Das politische Leben wurde vor allem von der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAPÖ) und der Christlichsozialen Partei dominiert, daneben gab es national-liberale und völkische Gruppierungen. In den 1920er und frühen 1930er Jahren verschärften sich die politischen Gegensätze; paramilitärische Verbände wie die sozialdemokratischen Republikanischen Schutzbünde und konservative Heimwehrformationen trugen zur Radikalisierung bei. Aus der politischen Auseinandersetzung entstanden wiederholt Gewaltausbrüche.
Autoritäre Wende und Ständestaat
Die Krise des parlamentarischen Systems kulminierte Anfang der 1930er Jahre: Regierungsbildungen, Notverordnungen und das Erstarken antidemokratischer Strömungen schwächten die parlamentarische Praxis. 1933/34 nutzte die Regierung die Krisensituation, um das Parlament zu entmachten; nach dem Februar 1934 kam es zu einem kurzen innerösterreichischen Bürgerkrieg zwischen dem Staat und den sozialdemokratischen Kräften. In der Folge wurden die Sozialdemokratie und andere Parteien verboten, 1934 wurde ein autoritäres, korporatives Staatsmodell (der sogenannte Ständestaat) durchgesetzt. Die gewaltsame Niederschlagung linken Widerstands und die Ermordung des Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß 1934 bei einem NS-Putschversuch markieren die Zuspitzung dieser Entwicklung. Sein Nachfolger setzte die autoritäre Politik fort.
Verfassung, Staat und Institutionen
Die 1920 verabschiedete Bundesverfassung legte die Grundlagen des parlamentarischen Systems, der föderalen Gliederung und der Grundrechte fest. Mit dem Übergang zum Ständestaat wurde die Verfassungsordnung de facto verändert: Parlamentarische Kompetenzen wurden beschränkt, politische Parteien und freie Gewerkschaften zum Teil verboten, und corporative Strukturen sollten stattdessen politische Repräsentation organisieren.
Wirtschaftliche Lage
Die Erste Republik begann in einer schweren wirtschaftlichen Krise: der Zusammenbruch altersreich gewordener Wirtschaftsbeziehungen des Vielvölkerreichs, Inflation und Arbeitslosigkeit belasteten Staat und Bevölkerung. In den 1920er Jahren gelang es zeitweise, die Wirtschaft zu stabilisieren, doch die Weltwirtschaftskrise ab 1929 traf Österreich besonders hart. Die 1931 auftretenden Bank- und Unternehmenszusammenbrüche verstärkten Arbeitslosigkeit und politische Radikalisierung.
Gesellschaft und Kultur
Soziale Reformen und kommunale Praxis
In sozialen Fragen kam es zu deutlichen Reformen, insbesondere dort, wo sozialdemokratisch regierte Kommunen großen Einfluss hatten. Das bekannteste Beispiel ist „Rotes Wien“: umfassende kommunale Wohnbauprogramme, Gesundheitsfürsorge, Bildung und kulturelle Initiativen wurden als praktische Antwort auf Wohnungsnot, Krankheit und Armut umgesetzt.
Lebensrealitäten und Konflikte
Die Gesellschaft war von Ökonomischem Druck, Klassenkonflikten und politischer Polarisierung geprägt. Gewerkschaften, Kirchen, Vereine und Parteien spielten eine zentrale Rolle in der Alltagsorganisation und der politisch-sozialen Mobilisierung. Kulturpolitisch war die Periode von intensiven Debatten über Moderne, Tradition und nationale Identität geprägt.
Außenpolitik und territoriale Fragen
Die Erste Republik war außenpolitisch schwach und suchte einerseits Anschluss an deutschsprachige Räume, andererseits Anerkennung und Sicherheit in einem schwierigen europäischen Umfeld. Die Friedensverträge und Gebietsabtretungen nach dem Ersten Weltkrieg führten zu einer territorialen Verkleinerung und Minderheitenfragen an den Grenzen. Die Außenpolitik bemühte sich um wirtschaftliche Anschlussmöglichkeiten und internationale Absicherung, konnte aber zunehmend dem Druck des expandierenden Deutschen Reiches und anderer Mächte nur begrenzt entgegentreten.
Ende der Ersten Republik (1938)
Die autoritäre Wende in der Mitte der 1930er Jahre schwächte die staatliche Konsolidierung. Der zunehmende Einfluss des Nationalsozialismus in Österreich und das außenpolitische Gewicht des NS‑Staates führten 1938 zum Anschluss (Anschluss) an das Deutsche Reich, der am 12. März 1938 vollzogen wurde. Mit der Annexion endete die staatliche Eigenständigkeit und damit auch die Periode der Ersten Republik.
Wichtige Ereignisse (Auswahl)
- November 1918: Ausrufung der Republik nach Ende der Monarchie
- 1919: Friedensvertrag von Saint‑Germain und territoriale Neuordnung
- 1920: Inkrafttreten der Bundesverfassung
- 1927: Politische Unruhen und Eskalation der Gewalt in Wien
- 1929 ff.: Folgen der Weltwirtschaftskrise für Österreich
- 1933–1934: Entmachtung des Parlaments und autoritäre Umgestaltung des Staates
- 1934: Verbot der Sozialdemokratie und Errichtung des Ständestaats
- 1938: Anschluss an das Deutsche Reich und Ende der Ersten Republik
Zusammenfassung
Die Erste Republik (1918–1938) war eine Phase tiefgreifender Umbrüche: Der Übergang von einem multiethnischen Imperium zu einem kleinen Nationalstaat, der Aufbau parlamentarischer Institutionen, soziale Reformen und kulturelle Dynamik stehen neben schweren wirtschaftlichen Krisen, politischer Polarisierung und letztlich dem Zerfall der demokratischen Ordnung. Die Periode schloss nicht mit einer stabilen demokratischen Konsolidierung, sondern mit dem Verlust der staatlichen Unabhängigkeit durch den Anschluss 1938.